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Das Digitale ist die grösste Chance, die das Analoge je hatte.
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Typofikation Nr. 2

Catherine Avak
2. Dezember 2011
Die zehn Prin­zipien guten Designs von Dieter Rams dienen der tgm im aktuellen Programm 2011/2012 zur Struk­tu­rierung der Vortragsreihe »Respekt und Übermut« zum Thema Verant­wortung im Design. Diese »Ramsi­fi­ka­tionen« lesen sich wie ein Leitfaden für verant­wor­tungs­be­wusstes Design.
Diaprojektor von Dieter Rams

Der zweite Grundsatz von Dieter Rams für gutes Design lautet:

  • Gutes Design trägt zur Nützlichkeit des Produktes beiJedes Industrieprodukt dient einem bestimmten Zweck. Man kauft es nicht, um es nur anzusehen. Man benutzt es und tut bestimmte Dinge damit. Ein Gerät ist gut gestaltet, wenn es optimal verwendbar ist. Wenn seine verschiedenen Funktionen dem Verbraucher eine optimale Handhabung ermöglichen. Aber wenn man sich umsieht, entdeckt man viele Produkte, deren Design nicht auf notwendiger Funktionalität basiert. Manchmal muss man froh sein, wenn das Design eines Produktes seinen Gebrauch nicht beeinträchtigt. Der Designer, der ein wirklich funktionales Produkt entwickeln will, muß sich in die Rolle der Benutzer hineindenken und -versetzen und ihre Bedürfnisse und Wünsche verstehen. Der Designer ist der Anwalt der Gebraucher. Der strikte Funktionalismus der Vergangenheit ist in den letzten Jahren etwas in Verruf geraten. Vielleicht zu Recht. Denn die Definition der Funktion des Produktes war oft zu begrenzt und puritanisch, und darüber vergaß man psychologische und andere Funktionen. Das Spektrum der Bedürfnisse der Menschen ist oft größer, als die Designer zugeben wollen oder können. Funktionalismus mag ein Begriff sein, der verschiedenste Definitionen zuläßt. Aber es gibt keine Alternative dazu.

Eine mögliche »Über­setzung« dieses Prinzips für die Typo­grafie wäre etwa:

Jede Publi­kation dient einem bestimmten Zweck. Man nimmt sie nicht in die Hand, um sie nur anzusehen. Man will sie lesen und einen bestimmten Infor­ma­ti­ons­gehalt daraus ziehen. Ein Buch zum Beispiel ist dann gut gestaltet, wenn es optimal lesbar ist. Wenn seine gestal­te­rischen Elemente und Ebenen dem Leser eine optimale Hand­habung ermög­lichen. Wenn man sich umschaut, sieht man aber viele Bücher, deren Typo­grafie nicht auf Lesbarkeit ausge­richtet ist. Manchmal muss man froh sein, wenn die Gestaltung eines Buches seine Nutzung nicht beein­trächtigt. Der Typograf, der eine wirklich gut lesbare Publi­kation gestalten will, muss sich in den Leser hinein­ver­setzen und seine Bedürfnisse und Wünsche verstehen. Der Typograf ist der Anwalt des Lesers.

Die klas­sische Typo­grafie ist in den letzten Jahren etwas in Verruf geraten – nicht zu Unrecht. Denn auch wenn wir heute viel digital lesen, die Funk­ti­onsweise des Gehirns hat sich nicht verändert, wir lesen heute genauso wie vor 80 Jahren. Für eine gute Lesbarkeit gelten nach wie vor die klas­sischen Regeln der Typo­grafie. Manche Gestalter erwecken den Eindruck, um jeden Preis etwas Neues machen zu wollen – nach dem Motto »Hauptsache anders«. So gibt es heute viele Publi­ka­tionen, die zwar grafisch schön anzusehen sind, aber als Infor­ma­ti­ons­träger nicht funk­tio­nieren. Gute Lesbarkeit ist kein Begriff, der verschiedene Defi­ni­tionen zulässt. Es gibt keine Alter­native.

 

Die 2. These der Ramsi­fi­ka­tionen in der Fassung aus dem Jahr 1990 ist zitiert aus Rams, Dieter: Die leise Ordnung der Dinge. 1. Auflage. Steidl Verlag.
Das Foto stammt von der Sammlung Werk­bun­d­archiv – Museum der Dinge, Fotograf: Armin Herrmann

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Jochen Rädeker